Ego-Booster.


Man schreibt den 4.7.2007 und somit meinen letzten Tag in der Anstalt. Nach der Matura halt ich nun ein weiteres Abschlusszeugnis (wenn auch mit falschem Namen) in den Händen und weiß: hasta la vista, ihr seht mich nie wieder.

Die Ergebnisse und der Zuspruch des Umfeldes haben heute deswegen zu einem regelrechten Euphorieschwall geführt - siegestrunken schwoll das Selbstwertgefühl dermaßen an, dass ich beinah von der Eisenbahnbrücke gesprungen wäre in dem felsenfesten Glauben, mir würde dabei nichts passieren. Derartig stark und selbstüberzeugt habe ich mich schon lang nicht mehr gefühlt; und das Denkwürdigste daran ist: das ist erst der Anfang.
Getragen von den kleinen, schleichenden Veränderungen an der lächerlichen Hülle beschleicht mich allmählich die leise Befürchtung, dass sich einstige Minderwertigkeitskomplexe plötzlich in vollkommene Selbstüberschätzung wandeln könnten - wogegen ich mich allerdings mit Hand und Fuß sträube.
(Und zum Glück halten diese Euphoriegefühle auch niemals lange an, sondern kommen rasch wieder zur Ruhe.)

Wie auch immer, zumindest irgendwelche dämliche Einschränkungen durch erzwungene Lernerei bleibt mir nun erspart, und der Hauch von Freiheit ist wie warmer Sommerregen auf der Haut.
Sicher, eingetauscht wird das ganze nun durch vollkommenen Alltag - aber dessen Tage werden wie in einer Sanduhr verrinnen.


Eine letzte unerwartete Streicheleinheit aus dem Anstaltsumfeld:

Hatte einer Lehrerin nach der letzten Prüfung eine Mail geschickt, weil sie darum gebeten hat. Dabei ließ ich nebenbei einfließen, wie es um meinen wahren Namen etc. bestellt ist... tagelang keine Antwort. Dachte schon, sie wäre davon so schockiert, dass sie nicht wusste, was sie darauf schreiben sollte.
Doch heute, als ich sie das letzte Mal traf kam prompt ein "Hallo, Tristan"... also wohl von wegen Schock. +schmunzel+
4.7.07 12:28


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Mindcluster.


Manche Dinge lassen mich nicht los. Sie kommen auf, wenn sie von diversen Sendungen, Bemerkungen oder dergleichen getriggert werden oder wenn ich so wie jetzt zuviel Zeit habe, um darüber nachzudenken. Ich habe das Gefühl, als hätte ich noch immer einen Fuß in der Vergangenheit, als würde dieser Fuß eine Tür aufhalten. Etwas hindert mich daran, mit alledem abzuschließen, und ich bin mir noch nicht sicher, was genau an oder vielmehr in mir es ist.

Musste wieder an die Psychatrie denken und an das damalige Gefühl, es wäre dort besser als zuhause. Beinahe heimelig hatte ich es empfunden. Es war eigenartig, wie eine Welt in der Welt, fremd, fern und doch so greifbar. Die Gänge, durch die wir damals gingen, vermischen sich mit Bildern, die in meinem Kopf sind; wie so oft verwischt die Realität mit... anderen Dingen.
Wie eine kaputte Platte, die sich in einer Wiederholungsschleife verfangen hat, kehren manche Bilder, Klänge, Gerüche und sonstige Eindrücke immer wieder zurück. Der Geruch des Parketts und des Blutes, der Schimmer von Metall und Rot im Kerzenlicht. Die Musik.
Die "Rituale" von damals sind wie Geister der Vergangenheit, die um Aufmerksamkeit heischen. Losgelassenheit, Ungezügeltheit, elektrisierende Trance.
Alles ist gut, solange du wild bist.

Irgendwann hat die Leere alles verschluckt und selbst den Ausbrüchen gegen sich selbst ihre Bedeutung genommen. Die Wiederholungsschleife fällt zu den tiefsten Punkten.
Ich stand vor der Entscheidung, alles zu beenden oder es noch einmal zu versuchen.
Einige Wochen später, etliche hunderte Kilometer weit entfernt, ähnliche Fragen.
Wie lange würde es wohl bis zur Bewusstlosigkeit dauern?
Einfach liegen bleiben und zusehen, wie sich alles weiter rot färbt... oder doch versuchen, dem ganzen Einhalt zu gebieten?

Ich habe mich entschieden, zweimal. Ohne so recht zu wissen, warum ich mich so und nicht anders entschieden habe. Doch an einem weiteren Tiefpunkt - bei weitem nicht so schlimm wie jene damals - gab es erstmals dieses pulsierende Gefühl, den regelrecht Drang, leben zu wollen.
Die dritte Entscheidung war tatsächlich eine Entscheidung; erstmals gab es da wieder spürbaren, starken Willen.

Und doch beschäftigt mich all das noch. Immer wieder greift die Erinnerung danach, greift gedanklich zur Klinge oder will dem Körper einen Riegel vorschieben, ihn hungern lassen, strafen. Beinahe, als wollte ein Teil von mir mich wieder zurück in die Vergangenheit ziehen und dort behalten. Vielleicht einfach nur, weil alles noch irgendwie offen ist... Unfertig.

.//.

Ich bin kurz davor, einen weiteren Abschnitt meines Daseins erfolgreich zu beenden. Nur noch zwei Tage, die ich in dieser Anstalt hier laufen werde. Ich muss die letzte Hürde am Freitag einfach nehmen. Es ist eigenartig wenn man bedenkt, wie viele kleine Abschlüsse man in seinem "Werdegang" durchlebt; wie viele Stationen man durchläuft und wie sie einen prägen. Im Guten wie im Schlechten.
Zur Zeit fühle ich mich eher positiv geprägt, ein Umstand, der viel mit der stimmlichen Veränderung zu tun hat, so gering sie zur Zeit auch noch ist. Plötzlich ist alles ungleich entspannter, ausgeglichener, toleranter. Es gab seit der Zeit vor den Prüfungen schon eine ganze Zeit lang keinen Grund mehr, der mich in irgendeiner Form hat durchdrehen lassen.
Vieles ist nur so schlimm, wie man es sich macht.

Der Kampf steht erst am Anfang, aber man wächst daran. Und ich werde weiter wachsen, wenn vielleicht auch nicht gerade in der Art und Weise, wie es manche gerne von mir hätten.
Karriere? Sicher nicht am Schreibtisch, Jungs.
Aber das findet ihr auch noch bald genug heraus.
Alles hat seine Zeit.
25.6.07 12:36


Die Stimme macht kleine aber feine (und nicht unbemerkte) Fortschritte.

Vorgestern abend, Anruf irgendeiner dieser Trullern, die einen entweder mit Umfragen oder anderen Dingen nerven.
Verwirrung, da sie wohl die Stimme meiner Gefährtin erwartet hat. "Ist da... der Herr H.?"
Sie ist auch brav auf der Männchen-Schiene geblieben und schien keinen Zweifel zu haben, wie sie die Stimme am anderen Ende der Leitung deuten muss. (Weswegen sie mir mit Betitelungen wie "Hausherr" gleich mal nebenher ein wenig Honig ums Maul schmierte...)

Gestern, Arbeit.
Trotte wie jeden Morgen in eines der anderen Büros. Kollegin sieht mich nach dem Gruß in die Runde ganz erstaunt an und meint dann so "Bei dir geht es ja auf einmal ganz schön weiter... mit der Stimme und so..."
Und gleich darauf mein Abteilungskollege, nachdem ich wieder in den "eigenen" vier Wänden bin: "Weil wir grad so unter uns sind... sag mal, kommst du grad in den Stimmbruch?"

Manchmal könnt ich mich echt wegschmeißen mit denen.
21.6.07 06:42


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