Die Suche nach dem eigenen Ich hat mich lange Zeit beschäftigt und durch viele Abgründe geführt. Abgründe, welche die Suche ersterben ließen wie beinahe alles andere ebenso, doch letztlich trat ans Tageslicht, was sich seit jeher verborgen hatte - ich habe meinen Kern endlich gefunden, die Seelenknochen... das Seelenskelett.


Welpentage

Ich glaube, ich war einer dieser Welpen, die man am liebsten nehmen würde, um sie gegen die nächste Wand zu... parken. Zu Tode beleidigt, wenn der Wille nicht durchging (und so lange lautstark klagend, bis sich das Blatt wendete) und der Ansicht, man müsste überall an erster Stelle stehen.
Fordernd, dominant, eigenwillig, zielstrebig.
Ich musste es wohl auch sein - Elternhandgreiflichkeit sind keine Dinge, die unbedarfte Augen sehen sollten, und kurz nach den ersten Erinnerungen war die Mutter fort.


Jungwolfdasein, Jährlingszeit

Kindergarten, Faschingszeit.
Ich weiß noch, dass all diese kleinen Mädchen, die im Laufe der Zeit so gesichtslos geworden sind, immer ganz wild drauf waren, Prinzessin zu sein oder etwas in der Richtung – ich fand das witzig. Ich selbst war nämlich verdammt stolz darauf, dort als Cowboy aufzutauchen, mit einem Spielzeugrevolver um die Hüften und unzähligen aufgemalten Bartstoppeln. Ich fand das klasse.


Es war das "draußen", das mich lockte. Ich hatte keine großartigen Spielkameraden und brauchte sie auch nicht - am liebsten war ich in Wald, Feld und Wiese unterwegs, allein und auf Entdeckungstour. Planzen und Getier faszinierten mich, es gab keine Scheu und keinen Ekel vor irgend etwas. Nur Neugier. Und wenn ich nicht irgendwo herumstreifte, war ich "innen", in einer der zahlreichen Phantasiewelten, die sich in meinem Kopf verbargen. Ich zeichnete, schrieb Geschichten, sogar Bücher oder Gedichte und modellierte mir eigene Spielzeugwelten aus Plastilin. Von Puppen und dergleichen wollte ich nichts wissen, dafür hatte ich ein unschlagbares Faible für Spielzeugautos, die meiner Phantasie nach sowieso alle lebendig waren. Nichts war bei mir menschlich; stets erhielten Gegenstände und Tiere ein Eigenleben. (Und tun es auch heute noch *zwinker*)
Soweit ich mich erinnern kann, war die Zeit vor der Schule voller kleiner alltäglicher Abenteuer.

Obwohl ich nichts Großartiges von "Mädchenkram" hielt, wurde ich doch in ein Mädcheninternat gesteckt - noch dazu ein "Schwesterninternat". Also religiöser Kram. Ich war dort die ganze Woche über und wurde nur an den Wochenenden heimgeholt; vielleicht weil die Stiefmutter mich loshaben wollte, ich weiß es nicht. Immerhin, der Schulunterricht war in einer gemischten Schule, und so konnte ich mich zumindest dort mit der anwesenden Jungenwelt austoben und (beinah wie gewohnt) eine Platzhirschstellung für mich behaupten - immer der Gewinner in den zahlreichen Prügeleien... damals hieß man mich nicht selten "Wildkatze". Dabei war das schmeichelhaft, in Wahrheit war ich wohl ein ziemlicher Rüpel, ein "Tier". Ich fühlte mich nie nach Mensch und wollte niemals einer sein; und in den ganzen Internatsspielchen mit den Leidensgenossinnen war ich immer irgendein Tier, und das stets männlich. Es entsprach mir einfach.
Ich saugte jegliche Form von Wissen auf wie ein Schwamm, musste mich auch auf dieser Ebene behaupten. Besondere Konkurrenz gab es mit einem talentierten Zeichnerduo der Klasse auf der Kreativebene ebenso wie mit einem anderen "Naturfreak" auf der "grünen" Ebene. Ich beneidete ihn um seine Möglichkeiten, wie ich so viele andere um ihr Elternhaus oder andere Dinge beneidete und hätte es doch niemals zugegeben.

Noch im Verlauf der ersten vier Volksschuljahre wurde ich zunehmend "ruhiger". Der Grund war simpel; mein Dasein nahm viele Wendungen. Das erste Schuljahr in Salzburg, in erwähntem Internat; das zweite in Gran Canaria, dann ein Wiedersehen mit der Mutter, die ich niemals kennen gelernt hatte... kombiniert mit dem Wunsch, bei ihr zu bleiben. Ich wusste nicht, was das für Auswirkungen haben würde; und der Sorgerechtsstreit verlief positiv für sie. Ein drittes Jahr in Salzburg, in der alten Schule, dann das vierte in der neuen Heimat, Oberösterreich.

Es gab immer wieder diese Momente, in denen ich mich einfach wie ein Junge gefühlt habe. Ich weiß noch, wie ich einmal die paar Stufen hoch gelaufen bin, die es dort auf dem Spielplatz bei all den Wegen zwischen den Wiesen gab, alleine wieder einmal, und dann war es wieder da. Und dann dachte ich mir... „Ich will ein ganzer Junge sein.“ Denn natürlich hat keiner der anderen gesehen, wonach ich mich gefühlt habe, für die war ich wohl einfach... keine Ahnung. Ein Wildfang, ein wildes Mädel. Aber sicher nicht gleichwertig. Manchmal war ich ihnen glaube ich auch einfach nicht geheuer – ein Problem, das mit zunehmendem Alter zugenommen hat.

Abseits dieser spärlichen, bewussten Wahrnehmung begann das Muttertier erfolgreich zu untergraben, was mich hätte ausmachen können. Ich war die Puppe, die man nach Belieben einkleiden, befehligen, einschränken konnte. Protest und eigene Meinung, eigener Geschmack waren nicht erlaubt. Aus Angst vor den zahlreichen Streitereien und unliebsamen Begleiterscheinungen, ob handgreiflich oder subtilerer Natur, lernte ich überzogene Rücksicht, Vorsicht, Furcht, Beklemmung, Schweigen.
Materielles Gold schimmerte immer wieder an meinem Käfig, doch die "Seele" verkümmerte. Es gab keine Nähe, keine Zuwendung. Lob war selten, häufiger war beißende Kritik. Ich musste Schleichwege finden, um Schuhen oder Kleidung zu entgehen, die ich um den Tod nie angezogen hätte; und ich vergaß und verlor mich selbst in den endlosen erfolglosen Versuchen, es der Hausherrin nur irgendwie recht zu machen.
Nicht mehr als ein Hund war ich, der um die Gnade seines Herren bettelt.

Oft kam ich mir einfach nur reichlich bescheuert vor oder wie eine lebende Puppe, obwohl sie zumindest dahingehend einigermaßen einsichtig gewesen ist, mir keine Kleider aufdrängen zu wollen. Das hat sie einmal getan und dann nie wieder.
Aber die Schuhe. Diese widerlichen Schuhe, ich dachte, ich muss vor Scham einfach krepieren, wenn sie mich mit diesen blöden Schuhen losschickt. Ballerina-Schühchen, schwarz, und dann auch noch glänzender Lack. Ich hasse Lackschuhe und vor allem solche, und auch damals habe ich die Dinger gehasst wie die Pest. Ich habe sie immer irgendwo im Schuhregal hingestellt, wo ich sie nicht sehen musste und habe immer versucht, ihnen mit allerlei Ausreden und Notlügen ("Ich will die aber nicht anziehen, die drücken mir an den Fersen") quasi zu "entkommen". Mein Glück war... nachdem ich es ein paar Wochen lang geschafft hatte und sie mich danach wieder einmal dazu nötigen wollte, passten meine Füße nicht mehr rein – mir ist wirklich ein ganzes Gebirge vom Herzen gefallen, und zum Glück hat es keiner derartigen Nachfolgerschuhe gegeben. Zum Glück.


8 Jahre Gymnasiumszeit, Unterstufe.
Ich war schwach geworden. Mürbe, furchtsam, übersensibel. Ich fand keinen rechten Anschluss, suchte ihn auch nicht mehr direkt, wurde anfangs noch ungewollt zu den Außenseitern, die man braucht, um seinen Frust abzulassen. Die Neuzeit nennt dieses Phänomen in anglizistischem Anflug "Mobbing", ich nannte es Horror. Ich wusste nicht mehr so recht, wie ich mich zu wehren hatte; auf Dauer blieb alles erfolglos, so verblieb nur das Schlucken. Das gelegentliche "Rüdenbewusstsein" lag irgendwo begraben, ich nahm es nicht wahr. Ich nahm nur wahr, wie sehr mir so viel Geschlechtsspezifisches zuwider waren. Die ganzen Dinge, über die sich Klassenkameradinnen zu unterhalten wussten, interessierten mich nicht. Ich verachtete ihr Auftreten und fand das Herausgeputze lächerlich, das Gekicher; hasste das Gezicke, die bösen Zungen. Noch mehr hasste ich die nach Geschlechtern getrennten Turnstunden, die mir durch einen von Muttern aufgezwungenen Gymnastikanzug noch versüßt wurden. Ich schämte mich in Grund und Boden, konnte jedoch mit Müh und Not irgendwann doch erkämpfen, in T-Shirt und Hosen rumlaufen zu dürfen. Sport war nicht mehr das meine, ich war zu gehemmt geworden; und was ich einst gewollt hatte, hätte ich sowieso nicht gedurft (Karate).

Oberstufe
Der naturwissenschaftliche Zweig und die damit einhergehende neue Klassenzusammenstellung brachte Veränderungen mit sich. Der Frauenanteil war in diesem Schulzweig gering, was zwar einerseits erleichternd, doch manchmal auch erschwerend war. Ich passte nicht in das gängige Mädchenschema, also wurde ich bestenfalls gemieden und schlimmstenfalls deswegen aufgezogen... hauptsächlich krafttechnisch, auch wenn meine Körperkraft im Gegensatz zu den nun in voller Hormonpracht stehenden Jungs gleichen Alter mittlerweile längst lächerlich geworden war. Aber es reichte noch, um sie wenn nötig in die Knie zu zwingen, wenn ich ihrer Bemerkungen leid geworden war.

Die fortschreitende Pubertät (auch wenn ich glücklicherweise 'Spätzünder' war) brachte eigenartige körperliche Veränderungen mit sich, die in ihrem ersten Auftreten interessant, aber alsbald rasch nervig wurden. Irgendwo auch beschämend. Ich versuchte in ein paar schwachen Anwandlungen, mich an den "Standard" anzupassen, mit den anderen mitzuhalten, doch immer wieder musste ich deprimiert feststellen, dass ich nicht in diese gängige Teenie- und schon gar nicht in die Mädchenwelt passte. Irgendwann begann ich es hinzunehmen; und auch wenn es immer wieder einmal verletzte, so begann ich doch schleichend zu lernen, meinen eigenen Weg zu gehen und zu suchen. Und ich begann mich vermehrt gegen die mütterlichen Fesseln zu behaupten, durchzusetzen, was mir wichtig war, nicht mehr immer nur um des mühsamen und kalten Friedens willen zu kriechen, mich zu ducken.

Wir hatten auch jemanden in der Klasse, der zwar ein ganzes Stück kleiner als ich war, aber ein richtiges Kraftpaket... und mit einem schier unerschütterlichen Ego (oder einem riesigen Showtalent) ausgestattet. Er hat irgendwann ernsthaft zu trainieren begonnen, um die kleinere Größe durch ein dafür wenigstens muskulöses Erscheinungsbild etwas auszugleichen... kann ich nur zu gut verstehen, da geht’s mir genauso.
Und da man mich ja immer wieder wegen der vermeintlichen Stärke im Visier hatte und seine Trainingsallüren ebenso, fiel irgendwann mal die Bemerkung zwischen zwei anderen... "Pass auf, bei nem Klassentreffen in 20 Jahren sind die M. und der K. wahrscheinlich Muskelprotze und verheiratet... und schwul, weil sich die M. geschlechtsumwandeln hat lassen."
Ich kann mich heute eigentlich nur noch darüber amüsieren... vor allem, weil da jemand nicht mal so falsche Vorahnungen gehabt zu haben schien.


Es war eine Zeit voller Kämpfe, vieler "kleiner" Geschehnisse, vieles ging in die Brüche, so auch die wenigen Freundschaften. Eine verlor sich, die andere wurde nach einem Suizidversuch verboten. Ich blieb letztlich für immer am Rande und als Außenseiter, suchte und suchte ohne zu wissen, was genau, verzweifelte deswegen und an der Einsamkeit, die ich so niemals gewollt hatte. Nur eines fand ich in mir, den Wolf, der mir so oft Stütze war, wo ich zu versagen und straucheln drohte.
Erst gegen Ende der Schulzeit stand ich vollständig auf meinen eigenen Läufen, unabhängig von allen anderen Personen, ohne besondere Bindungen. Ich war alleine, und es war gut so. Und mit der Matura in der Tasche war ich bereit dazu, aus der Mutterhöhle auszubrechen und mein Glück mit einem Studium in Wien zu versuchen.


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